03. November 2021
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Henryk M. Broder

Eine deutsche Politikerin fordert ein Denkmal für türkische Gastarbeiter. Ich will auch eins – für die Gastgeber

Vor genau 60 Jahren, Ende Oktober 1961, schlossen die Bundesrepublik und die Türkei ein «Anwerbeabkommen», das «die Regelung der Vermittlung türkischer Arbeitnehmer nach der Bundesrepublik Deutschland» zum Inhalt hatte.

Der Vertrag sollte zwei Jahre gelten, tatsächlich wurde er erst Ende 1973 von der deutschen Seite terminiert. Bis dahin kamen rund 870.000 überwiegend männliche «Gastarbeiter» aus der Türkei nach Deutschland.

Viele holten im Laufe der Jahre ihre Familien nach – und blieben.

Die Zahl der «Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit», die heute in Deutschland leben, wird auf 1,5 Millionen geschätzt, die der mit einem «türkischen Migrationshintergrund» auf etwa das Doppelte.

Das Ausmass der Integrationsbereitschaft der «Deutschtürken» wird von Migrationsexperten sehr unterschiedlich beurteilt, von «vorbildlich» bis «unzureichend», je nach Alter, Bildung und Grad der Religiosität.

So weit, so normal, könnte man meinen.

Integration ist «work in progress», sie kommt nie ans Ziel, bestenfalls der Ziellinie immer näher.

«Unsere Gesellschaft wird weiter vielfältiger werden, das wird auch anstrengend, mitunter schmerzhaft sein», so steht es in einem SPD-«Masterplan zur Integration der Flüchtlinge» aus dem Jahre 2015, «unser Zusammenleben muss täglich neu ausgehandelt werden».

Je bunter und vielfältiger eine diverse Gesellschaft wird, umso mehr Gruppen und Grüppchen melden sich zu Wort, um Wertschätzung einzufordern.

Eine Interessenvertretung von Personen mit Migrationshintergrund («Neue deutsche Medienmacher») fordert die Einführung einer verbindlichen 30-Prozent-Quote für «Menschen aus Einwandererfamilien» in Redaktionen und Produktionsfirmen.

Derweil eine Berliner SPD-Politikerin, die Ende der 70er Jahre mit ihren Eltern aus der Türkei eingewandert ist, sich für ein Denkmal stark macht, das an die erste Generation der «Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen» erinnern soll, «die es geschafft haben, hier Fuss zu fassen in einem fremden Land», obwohl sie «kein Wort Deutsch konnten, als sie hergekommen sind».

Das ist, finde ich, ein berechtigtes Anliegen: Deutschland verdankt den «Gastarbeitern» viel. Umgekehrt ebenfalls. Deswegen hätten auch die «Gastgeber» ein Denkmal verdient.

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2 Kommentare zu “Eine deutsche Politikerin fordert ein Denkmal für türkische Gastarbeiter. Ich will auch eins – für die Gastgeber”

  • AntonHofnarr sagt:

    Ich finde, ein Denkmal hat sich jemand verdient, der großes/gutes geleistet hat, OHNE den persönlichen Profit dabei in den Vordergrund zu stellen. Das ist bei den Gastarbeitern - damals wie heute - explizit nicht der Fall. Sie kamen - ist im Prinzip auch nichts verwerfliches - um sich, mit der Priorisierung egoistischer Gründe, ein komfortableres Leben gestalten zu können. Sorry, aber für die Erschaffung eines Denkmals reicht das bei Weitem nicht aus.

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  • Remigrator sagt:

    Henryk auch hier, sehr gut. Denn meine Tage als Welt plus Abonnent, sind lange vorbei ^^

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