29. Oktober 2021
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Alexander Wendt

Kern der Freiheit: Wer eine Diktatur kennengelernt hat, weiss, dass Zwang nicht erst mit staatlichen Vorschriften beginnt

Wer einen unscharfen Freiheitsbegriff nutzt, erkennt ihre Bedrohungen erst spät.

Die vergangene Debattenwoche in Deutschland zeigte das an Wortmeldungen, die auf den ersten Blick wenig verbindet: In Deutschland drängen Medien und Regierungssprecher den Fussballspieler Joshua Kimmich in agitatorischem Ton, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen.

Gleichzeitig heisst es, natürlich bleibe die Entscheidung aber frei. Es gebe keinen Impfzwang.

Wer allerdings eine Diktatur kennengelernt hat – wie der Autor dieser Zeilen – der weiss, dass Zwang nicht erst mit staatlichen Vorschriften beginnt.

Auch in unfreien Gesellschaften sind erstaunlich viele Entscheidungen formal freigestellt, etwa die Teilnahme an Aufmärschen.

Der Kern der Freiheit steht auch in Demokratien schon unter Druck, wenn «das Recht, in Ruhe gelassen zu werden» (Louis Brandeis) nicht mehr gilt.

Dieses Recht bröckelt beispielsweise auch unter den subtilen Versuchen, Bürger mit Lenkung unterhalb von Gesetzen auf den richtigen Mobilitäts- und Ernährungspfad zu schubsen.

Fast gleichzeitig erklärte die Grünen-Politikern Katharina Schulze den Begriff «Freedom Day» für den Wegfall der Corona-Maßnahmen zur «Verhöhnung» aller, die unter diktatorischen Regimen lebten.

Nun dürften deutsche Debatten zu den geringsten Sorgen iranischer und kubanischer Dissidenten gehören. Und die Bedrohung von Freiheit misst sich immer an dem Standard, der gilt – nicht am schlechteren Beispiel.

Schlechter, also unfreier geht es immer. Das muss nicht erst bewiesen werden.

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5 Kommentare zu “Kern der Freiheit: Wer eine Diktatur kennengelernt hat, weiss, dass Zwang nicht erst mit staatlichen Vorschriften beginnt”

  • Dominik Hellenbeck sagt:

    Wer dies heute versucht, gerät schnell in den Ruch, „Querdenker“, „Impfgegner“ oder gleich Rechtsextremer zu sein – allesamt Gestalten, mit denen ein Austausch von Argumenten sowieso sinnlos scheint.

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  • Dominik Hellenbeck sagt:

    Sie werden gezielt medial „angetriggert“ (der böse Russe, die gelbe Gefahr, das perfide Albion), um eine für den politisch-medialen Komplex bequeme „Wir gegen die“-Stimmung zu schaffen. Der kritische Diskurs um den richtigen Weg braucht aber informierte und aktive Staatsbürger, die leidenschaftlich, aber respektvoll streiten.

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  • Dominik Hellenbeck sagt:

    Wenn die politischen Eliten in den ihnen anvertrauten Ämtern lediglich Karrierejobs sehen und im Volk als sog. „Souverän“, die Anzahl von Personen steigt, welche die alten Griechen als „Idioten“ bezeichneten, gerät ein republikanisches Gemeinwesen in ernste Schwierigkeiten. Die „Idioten“ (hielten und) halten sich aus öffentlichen-politischen Angelegenheiten heraus, weil ihnen Politik egal ist und sie arglos Jubelmedien und deren vorgegebenen Propagandathemen vertrauen.

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  • Der Michel sagt:

    "Wer in der Demokratie schläft wacht in einer Diktatur auf." Michel und Micheline haben einen gesegneten Tiefschlaf...

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    • Gustav sagt:

      Über 40 Jahre in einer Diktatur gelebt und fast immer hellwach gewesen.
      Zu der Bemerkung: "in der Demokratie eingeschlafen und in der Diktatur
      augewacht" möchte ich die Variante hinzufügen: "nicht aufgewacht, sondern im Schoße der Diktatur weitergeschlafen". Nichts mitbekommen. Gute Nacht!

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