15. November 2021
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Henryk M. Broder

Kölner Karneval: Vor einem Jahr fiel der organisierte Frohsinn wegen Corona ins Wasser. In diesem Jahr findet er statt. Die Gründe sind bizarr

Letzten Donnerstag meldete das Berliner Robert-Koch-Institut 50.196 Corona-Neuinfektionen in Deutschland, den höchsten Wert seit dem Beginn der Pandemie. Die «vierte Welle», obwohl lange vorhergesagt, kommt für viele doch überraschend.

Wobei diejenigen, die geimpft oder genesen sind, sich auf der sicheren Seite wähnen. Und so feiern sie, ohne Maske und ohne Abstand, in «Feierzonen», zu denen nur Geimpfte oder Genesene Zutritt haben.

In Köln, einer der «Hochburgen» des organisierten Frohsinns, begann am 11.11. um 11 Uhr 11 die «fünfte Jahreszeit», der Karneval.

Tausende von «Jecken und Jeckinnen» tranken und sangen sich in Stimmung, als wäre Corona nur ein kurzer Albtraum gewesen.

Ein Feierverbot wie im vergangenen Jahr, meinte Henriette Reker, die Oberbürgermeisterin der Stadt, wäre «rechtlich nicht möglich» gewesen. Ausserdem hätten sich die Kölner so etwas «einfach nicht mehr gefallen lassen».

Es gab aber noch einen Grund, den Dingen ihren Lauf zu lassen, die «vielen internationalen Gäste», die in die Stadt gekommen waren, darunter auch «Nachkommen jüdischer Kölner, die zur Zeit der Weimarer Republik fester Bestandteil des Karnevals gewesen waren, bevor sie vor den Nazis nach Amerika fliehen mussten».

Frau Reker ist über die Grenzen ihrer Stadt Anfang 2016 bekannt geworden, als sie Frauen, die feiern, aber nicht belästigt werden möchten, den Rat gab, «eine Armlänge Abstand» zu fremden Männern zu halten.

Das meinte sie ernst.

Und es muss befürchtet werden, dass sie es auch ernst meinte, als sie die Nachkommen jüdischer Kölner, die vor den Nazis nach Amerika fliehen mussten, zu den Gründen zählte, warum der Karneval nicht ausfallen darf.

Denn schlimmer noch als vor den Nazis nach Amerika fliehen zu müssen, wäre nur, aus Amerika nach Köln zu fliegen, um erfahren, dass der Karneval abgesagt wurde.

Das kann man wirklich niemand zumuten.

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2 Kommentare zu “Kölner Karneval: Vor einem Jahr fiel der organisierte Frohsinn wegen Corona ins Wasser. In diesem Jahr findet er statt. Die Gründe sind bizarr”

  • Joerg Sulimma sagt:

    Die zur Zeit des Nationalsozialismus aus Köln nach Amerika geflohenen jüdischen Mitbürger werden ihren Nachkommen mit Sicherheit zuallererst vom Karneval erzählt haben, diesem einzigartigen Kulturgut, vor dem alles andere naturgemäß verblasst. Das treibt jetzt auch die Enkel und Urenkel dieser Generation in hellen Scharen in die Stadt am Rhein, wenn es wieder heißt "Kölle Alaaf!". Anders kann es ja gar nicht sein, das grenzenlos positive Selbstbild gewisser Kölner Kreise ist ungebrochen!

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  • Der Michel sagt:

    Vor allem diese Frau kann man niemandem zumuten. Was kann einen vernünftig denkenden Menschen dazu bewegen, sich ein solches politisches Personal vor die Nase zu wählen?

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