07. Dezember 2021
Thomas Wördehoff

«Für mich soll’s rote Rosen regnen»: Angela Merkels Zapfenstreich, die Musikkritik

Der Grosse Zapfenstreich: Was früher mal die Order für Sperrstunde in den Beizen war, wandelte sich im Lauf der Zeit zum finalen Festakt für Kanzler und Bundespräsidenten.

Sie alle dürfen sich – neben Beethovens Yorckschen Marsch (der kommt immer) – noch Stücke zum Adieu wünschen. Helmut Schmidt wollte die Nationalhymne, Kohl entschied sich für den Choral «Nun danket alle Gott», Schwerenöter Schröder fragte nach «My Way».

Doch dann kam Angela.

Nicht Bach oder Brecht und auch nicht Biermann kamen ihr in den Sinn. Nichts Feierliches und keinen Zeigefinger, nein, nur zwei Schlager und ein schlichtes Gotteslob am Ende sollte das Musikkorps der Bundeswehr für sie spielen.

Nach Finanzkrise, «Wir schaffen das», dem jahrelangen Ärger mit Europa, Trump, Nord Stream 2 und Corona noch mal mit der Knef ins Berlin der späten Sechziger abtauchen und «Für mich soll’s rote Rosen regnen» mitsummen. Und sich an frühe Ostseeurlaube erinnern, wo Nina Hagens «Du hast den Farbfilm vergessen» immer am Radio lief.

Nach dem unablässig wehenden Mantel der Geschichte, nach all den historischen Begegnungen und Gipfeln sitzt also die Bundeskanzlerin Ende 2021 in einer zugigen Berliner Winternacht im Ledersessel vor einer Militärkapelle, um sich stoisch und gefasst eine bumsfidele Ossi-Schunkelnummer und einen pelzbesetzten Wirtschaftswunderwalzer («Ich will, will alles oder nichts!») anzuhören.

Eigentlich zum totlachen. Aber eigentlich auch wieder gross. Fast schon Pop.

42 2

2 Kommentare zu “«Für mich soll’s rote Rosen regnen»: Angela Merkels Zapfenstreich, die Musikkritik”

  • onckel fritz sagt:

    Manche Leserbriefschreiber hätten sich schon „Ding Dong The Witch Is Dead“ gewünscht. Mir hätte ein einziger lauter Ton einer Tuba genügt. Im Gedenken an den Klimagipfel von Glasgow nenne ich ihn den „Joe-Biden-Ton“.

    0
    0
  • Joerg Sulimma sagt:

    Ich liebe die Schwarz-Weiß-Fotografie! Aber "Du hast den Farbfilm vergessen"...dieses Bonmot könnte auch als Fazit für Angela Merkels Politik genommen werden. Schwarz-weiß mit Grautönen, alternativlos, ohne Farbe und Freude und zumeist noch schlecht gewählte Motive. Und wir Bürger saßen und schauten alle genau wie damals, als Onkel Helmut und Tante Gretchen, stolz und stundenlang, die beängstigenden Stöße von Fotos aus dem letzten Urlaub vorführten. Natürlich in schwarz-weiß...

    9
    0

Schreiben Sie einen Kommentar

© Copyright 2022 - Weltwoche daily

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche-daily.ch dienen als Diskussionsplattform und sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird. Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels oder wo angebracht an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Persönlichkeitsverletzende und diskriminierende Äusserungen hingegen verstossen gegen unsere Richtlinien. Sie werden ebenso gelöscht wie Kommentare, die eine sexistische, beleidigende oder anstössige Ausdrucksweise verwenden. Beiträge kommerzieller Natur werden nicht freigegeben. Zu verzichten ist grundsätzlich auch auf Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen), wobei die Online-Redaktion mit Augenmass Ausnahmen zulassen kann.

Die Kommentarspalten sind artikelbezogen, die thematische Ausrichtung ist damit vorgegeben. Wir bitten Sie deshalb auf Beiträge zu verzichten, die nichts mit dem Inhalt des Artikels zu tun haben.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Unzulässig sind Wortmeldungen, die

  • Nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommerzieller Natur sind
  • andere Forumsteilnehmer persönlich beleidigen
  • einzelne Personen oder Gruppen aufgrund von Rasse, Ethnie oder Religion herabsetzen
  • in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • verächtliche Abänderungen von Namen oder Umschreibungen von Personen enthalten
  • mehr als einen externen Link enthalten
  • einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Online-Redaktion behält sich jedoch vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Es besteht grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.