26. Oktober 2021
Gisela Friedrichsen

IS-Heimkehrerin Jennifer W. wird zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Öffentlichkeit reagiert empört. Ein Anlass dafür besteht nicht

Was, nur zehn Jahre? Hat die Justiz wieder versagt?

Teile der Öffentlichkeit reagierten empört, als Jennifer W., 30, die IS-Heimkehrerin wider Willen, in München nicht zu Lebenslang verurteilt wurde, wie es allgemein erwartet worden war.

2014 war die berufslose Frau aus Niedersachsen den Verheissungen salafistischer Propagandisten gefolgt und nach Irak gereist. Dort wurde sie verheiratet und – schwanger - 2016 nach Deutschland abgeschoben. Zwei Jahre später machte sie sich mit ihrem Kind wieder auf den Weg zum Islamischen Staat.

Gegenüber einem vermeintlichen Glaubensbruder, der tatsächlich ein FBI-Mann war, rühmte sie das Leben dort und erzählte während der Fahrt in einem verwanzten Auto auch vom Tod eines fünfjährigen Mädchens, das mit seiner als Sklavin gehaltenen Mutter, einer Jesidin, in ihrem Haushalt in Falludscha gewohnt habe. Das Kind habe sich eingenässt und sei von ihrem, W.s Ehemann zur Strafe bei glühender Hitze an einem Aussengitter im Hof angebunden worden, was es nicht überlebte.

«Wollte W. sich damit vielleicht wichtig machen?», fragte die Verteidigung.

Von dem Kind fehlt jede Spur.

Nein, entschied der Senat. Denn unabhängig von W. berichtete die Mutter des Kindes in einem Lager für verfolgte Jesiden eine fast identische Geschichte, die weltweit das Augenmerk auf den Völkermord des IS an den Jesiden lenkte. Hätte W. nicht geplaudert, die deuItsche Justiz wüsste bis heute nichts vom Tod des Kindes.

Erst war das Entsetzen über dessen Schicksal gross: W.s Schuld galt durch die Mordanklage des deutschen Generalbundesanwalts bereits als erwiesen.

Doch durch die Aussage der traumatisierten Mutter des Kindes wurde W. unter anderem nur noch wegen Beihilfe zum versuchten Mord durch Unterlassen verurteilt, an dem ihr in Frankfurt/Main angeklagter Mann wohl die Hauptschuld trägt.

Den Vorwurf der «Sklavenhaltung mit Todesfolge» wertete das Gericht als minder schweren Fall, da W. diese kaum hätte beenden können.

Also zwar ein Schuldspruch, aber kein Lebenslang – und kein Anlass zu Empörung.

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2 Kommentare zu “IS-Heimkehrerin Jennifer W. wird zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Öffentlichkeit reagiert empört. Ein Anlass dafür besteht nicht”

  • Joerg Sulimma sagt:

    Als Jurist rate ich jedem, der sich zu einem Gerichtsurteil äußert, immer wieder: Bevor ihr vorschnell kommentiert, lest das Urteil! Zumindest eine Zusammenfassung der Begründung, die auf den Seiten des jeweiligen Gerichts sehr oft zu finden ist. Ganz besonders möchte ich das allen Jounalistinnen und Journalisten ans Herz legen. Ich habe in Zeitungen und Medien schon so viel hanebüchenen Unsinn zu Gerichtsurteilen gelesen und gehört. Beschäftigt euch bitte mit den Urteilen und schreibt dann!

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  • AntonHofnarr sagt:

    Wohl auch ein Grund, warum kriminelles Gesindel so bevorzugt in die BRD drängt, ist die total versagende Justiz. Schwerstverbrecher genießen nahezu Narrenfreiheit und gesprochene Urteile besitzen häufig nicht einmal symbolischen Wert. Auch die Linksterroristin Silke Maier-Witt wurde im Oktober 1991 wegen Entführung und Ermordung von H.M. Schleyer zu lediglich 10 Jahren verurteilt; bereits 1995 befand sie sich wieder auf freiem Fuß. Diese Jennifer bis 2031 im Knast? Kann ich mir nicht vorstellen!

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