11. Januar 2022
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Alexander Wendt

«Grüne Transformation»: EZB-Direktorin Isabel Schnabel gibt zu, dass die Inflation in Europa durch steigende Energie-Preise getrieben wird

An Isabel Schnabel, dem deutschen Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), lässt sich besonders gut die Inflations-Rhetorik der EZB zeigen: Als die Inflation in der Euro-Zone 2021 – entgegen den Voraussagen der EZB – steil anstieg, gehörte Schnabel erst zu den Stimmen, die versicherten, die Geldentwertung sei schnell wieder vorbei.

Schön wär’s!

Im Dezember 2021 lag der Preisauftrieb Euro-Zonen-weit über 5 Prozent. Für 2022 prognostiziert die EZB eine Inflation von 3,2 Prozent.

Der Kaufkraft-Verlust ist also gekommen, um zu bleiben.

In einem Vortrag vom 8. Januar bietet Schnabel nun ein neues Narrativ an: Die Inflation werde länger dauern, getrieben vor allem durch die steigenden Energiepreise der «grünen Transformation». Aber das sei auch gut so, meinte sie.

Obwohl die Geldentwertung mehrheitlich kleine Sparer schrittweise enteignet, argumentiert Schnabel, sollten die Regierungen die Energiepreisexplosion keineswegs dämpfen und «die Geschwindigkeit der Transformation nicht verlangsamen».

Zur Rolle der Währungshüter merkte sie nur an, sie würden die Preissteigerungen im Auge behalten. «Zinserhöhung» erwähnte sie mit keinem Wort. Denn die hochverschuldeten Südländer können Zinsen über null kaum tragen. Andererseits sollen die Staaten für die «grüne Transformation» noch zusätzliche, am besten kreditfinanzierte Milliarden ausgeben.

Ihr Kollege Philip Lane, Chefvolkswirt der EZB, versicherte fast zeitgleich, er sehe überhaupt keinen Grund für eine Zinsanhebung, ganz im Gegensatz zur US-Notenbank. Dabei besteht die einzige Aufgabe der Euro-Banker in der Wahrung der Preisstabilität. Eigentlich.

Was Schnabel mit dem Segen ihrer Chefin Christine Lagarde verkündet, ist nichts weniger als die Transformation der EZB. Aus einer Einrichtung zum Währungsschutz soll offenbar ein Begleitinstitut zum grünen Gesellschaftsumbau werden.

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3 Kommentare zu “«Grüne Transformation»: EZB-Direktorin Isabel Schnabel gibt zu, dass die Inflation in Europa durch steigende Energie-Preise getrieben wird”

  • Joerg Sulimma sagt:

    Es handelt sich bei der EZB schon lange nicht mehr um ein Institut zur Sicherung der Währungsstabilität sondern um eine politische Behörde, die das Zusammenwachsen dieser "Europäischen Union" als Staatsgebilde aktiv zu fördern hat. Die personellen Besetzungen des Direktoriums sprechen Bände. Gerade Professuren schützen nicht vor fehlendem Sachverstand in Währungsfragen. Der Witz ist, daß die EZB weit mehr für den Zusammenhalt der EU tun könnte, wenn sie sich um ihre Aufgaben kümmern würde!

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  • AntonHofnarr sagt:

    (Politisch) "grün" ist das genaue Gegenteil von Normalität. Diese beiden Dinge vertragen sich so wenig wie in der Physik Materie und Antimaterie. An eine "friedliche Koexistenz" mit realitätsfremden Polit-Clowns ist nicht zu denken, schon gar nicht, wenn es an meine sauer ersparten Reserven zu Gunsten irgendwelcher phantasiekranker Utopien geht. Wenn jemand wie Frau Schnabel den "5 Wirtschaftsweisen" angehörte, so lässt mich das doch sehr an der Kompetenz dieses Gremiums zweifeln.

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  • Der Michel sagt:

    "Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen." Marie Antoinette, Ende 18. Jahrhunderts (so sagt man wenigstens). Ist damals nicht gut ausgegangen und wird es auch diesmal nicht. Das ist keine Frage mehr des "ob", sondern nur noch der Nuancen - sprich, wie ein Schafott im 21. Jahrhundert aussehen wird.

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