20. Oktober 2021
Gisela Friedrichsen

Eine 96-jährige ehemalige KZ-Sekretärin steht vor Gericht, ohne jemals eine Waffe in der Hand gehalten zu haben

Jetzt jagt man schon die Sekretärinnen! 

Irmgard F., 96, war 18 Jahre alt, als sie für Paul-Werner Hoppe, den Kommandanten des KZ Stutthof bei Danzig, von 1943 bis 1945 Diktate aufnahm und Funksprüche weiterleitete. 

Weil Stutthof berüchtigt war wegen der Zustände dort – 65 000 Menschen wurden ermordet –, sitzt Frau F. seit Dienstag im Rollstuhl vor Gericht wegen Beihilfe zum 11.000-fachen Mord. 

Sie hatte nie eine Waffe in der Hand, gab keine Befehle und stand nicht an der Rampe. 

Sie trug zum Funktionieren der NS-Mordmaschinerie genauso viel bei wie der Postbote, der ihre Briefe zur Bahn brachte, wie der Zugführer, der diese nach Berlin schaffte, wie der Pförtner im Amt, der sie in Empfang nahm. Wie jeder, der damals «Sieg Heil» schrie. 

Die Justiz hat Frau F. 1954 und 1962 als Zeugin gehört und keine Strafbarkeit gesehen. Erst seit einigen Jahren wird versucht, einen Gesinnungswandel in der deutschen Justiz in Sachen NS-Verbrechen mit ein paar viel zu späten Verurteilungen nachdrücklich zu demonstrieren. 

Den Opfern und ihren Angehörigen war es eine Genugtuung und daher aller Ehren wert. 

An einer Sekretärin aber nachzuholen, was über Jahrzehnte vertuscht wurde, ähnelt eher einer Selbstanklage der Justiz als ernstzunehmender Strafverfolgung.

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