18. November 2021
Henryk M. Broder

Ein neues Corona-Tool macht die Runde: die digitale Speisekarte – eine Zumutung, nicht nur für Feinschmecker

Die in Deutschland hochgeschätzte «Willkommenskultur» steckt zurzeit in einer schweren Krise: Die meisten Bars, Cafés und Restaurants, die in den Corona-Monaten schliessen mussten, sind wieder geöffnet – aber nicht für jeden.

Es gilt die 2G-Regel: Wer rein möchte, muss «genesen» oder «geimpft» sein. Ein tagesfrischer negativer Test allein tut es nicht mehr.

Wir hatten einen Tisch in einer Pizzeria am Prenzlauer Berg bestellt, die uns von Freunden als «authentisch» empfohlen wurde. Die Homepage des Lokals versprach «die unverfälschte Küche Italiens – kreativ interpretiert und mit Liebe zubereitet», geprägt von «Respekt gegenüber den verwendeten Zutaten und unserer Umwelt als auch und vor allem gegenüber unseren Gästen».

Nun ist es so, dass ich sehr gerne Speisekarten lese. Rauf und runter, vor und zurück, obwohl ich am Ende immer das Gleiche bestelle: Salat Caprese als Vorspeise und Pizza Tomaten-Mozzarella als Hauptgericht. Manchmal auch eine Portion Tiramisu als Dessert.

Und so bat ich, kaum dass wir Platz genommen hatten, die Bedienung, uns die Speisekarte zu bringen.

Die junge Frau schaute mich irritiert an und deutete stumm mit der Hand auf eine Stelle in der Mitte des Tisches. Da lag, laminiert und festgeklebt, ein QR-Code von der Grösse eines Passfotos.

Die Speisekarte!

Man musste sie nur mit dem Smartphone scannen. Und schon war man in der Küche Italiens unterwegs, kreativ interpretiert und mit Liebe zubereitet.

Okay, es gibt Schlimmeres als ein Menü im QR-Format. Labskaus, Blutwurst und Froschschenkel.

Trotzdem, die digitale Speisekarte ist eine Zumutung, ein Kollateralschaden der Pandemie.

Ich will die analoge wiederhaben. Subito!

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2 Kommentare zu “Ein neues Corona-Tool macht die Runde: die digitale Speisekarte – eine Zumutung, nicht nur für Feinschmecker”

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