18. Oktober 2021
Henryk M. Broder

Die Polizei meldet «ernstzunehmende Zweifel», dass Gil Ofarim antisemitisch beleidigt wurde. Und der C-Promi ist sich plötzlich auch nicht mehr sicher

Der Rockmusiker Gil Ofarim, dessen Claim to Fame im Wesentlichen darin besteht, dass er der Sohn von Abi Ofarim ist, behauptete vor zwei Wochen, er sei beim Einchecken in einem grossen Leipziger Hotel «antisemitisch beleidigt» worden.

Ein Hotelmitarbeiter habe ihn aufgefordert, seine Halskette mit einem Davidstern abzunehmen. Worauf Ofraim die Lobby verliess, sich vor den Hoteleingang auf das Pflaster setzte und ein Video aufnahm, das er tags darauf auf Instagram postete.

Darin erzählt er, ausser sich und einem Weinkrampf nahe, was ihm zugestossen war und wie ihn dieser Vorfall aufgewühlt habe.

Er sei zwar Jude, aber «weder streng gläubig, noch fromm, noch orthodox» gab er später zu Protokoll, er gehe weder zur Synagoge noch trage er eine Kippa.

Das Instagram-Video wurde mehr als drei Millionen Mal angeklickt, Ofarim gab ein Interview nach dem anderen, sogar die Leipziger Antifa solidarisierte sich mit ihm. Ebenfalls der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland und der Bundesbeauftragte für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus.

Selten waren sich die Vertreter der «Zivilgesellschaft» so einig wie in diesem Fall: Das Hotel müsse Ofraim um Entschuldigung bitten und die Verantwortlichen «zur Rechenschaft» ziehen. Sofort und ohne das Ergebnis der Ermittlungen abzuwarten.

Das war, freundlich gesagt, etwas voreilig.

Nachdem die Polizei die Aufnahmen der Kameras in der Hotel-Lobby ausgewertet hatte, meldete sie «ernstzunehmende Zweifel» an der Ofarim-Version an. Der Künstler selbst war sich plötzlich auch nicht mehr sicher, ob er die Kette mit dem Davidstern «an jenem Abend sichtbar» getragen habe. Aber darauf komme es auch nicht an. «Es geht hier nicht um die Kette. Es geht eigentlich um was viel Grösseres. Da ich oft mit dem Davidstern im Fernsehen zu sehen bin, wurde ich aufgrund dessen beleidigt.»

Ja! Der Antisemitismus ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie den Antisemiten überlassen könnte.

Ein C-Promi, der sich profilieren möchte, kann das besser.

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2 Kommentare zu “Die Polizei meldet «ernstzunehmende Zweifel», dass Gil Ofarim antisemitisch beleidigt wurde. Und der C-Promi ist sich plötzlich auch nicht mehr sicher”

  • onckel fritz sagt:

    Esther und Abi Ofarim, Generation meiner Eltern, habe ich öfter in der Kindheit sogar auf einer DDR-LP mitgehört, und die KONNTEN wirklich SINGEN! Meist reichte die Klampfe vom Abi als Begleitung. Von dem jungen Künstler Gil habe ich noch nichts Nennenswertes gehört oder gesehen, abgesehen von der angezeigten antisemitischen Beleidigung.

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  • ThW67 sagt:

    Was für eine kranke und sich selbst verachtende Gesellschaft wir doch sind. Traurig

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