16. September 2021
Jürg Altwegg

Der in Zürich tätige Historiker Philipp Sarasin stürmt die deutsche Bestseller-Liste – mit einem Buch, das ein anderer Autor bereits geschrieben hat

Das Buch «1977» des an der Universität Zürich tätigen Historikers Philipp Sarasin steht auf dem ersten Platz der deutschen Sachbuch-Bestenliste. Es steht auch auf der Short-List des Bayerischen Sachbuch-Preises. Der Suhrkamp-Verlag präsentiert es als Bestseller.

Die Rezensenten loben es in den höchsten Tönen: «Philipp Sarasin betreibt Geschichtsschreibung, wie sie sein sollte», zitiert Suhrkamp den Radio-Sender Ö1.

Die Zeit, Deutschlands führende Wochenzeitung, wünscht sich gar «eine bebilderte Ausgabe dieses unerhört anregenden Buchs».

Der Tagesspiegel schwärmt «von einem der aussergewöhnlichsten historischen Bücher der jüngsten Zeit. Es ist zugleich banal und intellektuell».

Das stimmt – und trifft auf ein Buch mit dem gleichen Titel zu, das vor vier Jahren in Paris von Jean-Marie Durand erschienen ist. Ich habe es damals mit grosser Faszination gelesen.

Bei Philipp Sarasin kommt es nicht vor.

Die «aberwitzigen Nebensächlichkeiten« und «grossen Thesen», in deren Verknüpfung der Tagesspiegel die Genialität von Sarasin «1977» ausmacht – ich habe sie bei Durand entdeckt.

«Ich höre hier wirklich zum ersten Mal von diesem Buch. Ich kenne es schlicht nicht, habe es nirgends erwähnt gesehen», schreibt Sarasin, als ich ihn auf die vielen Ähnlichkeiten aufmerksam mache.

Wir wechseln ein paar Mails. Zwei Tage vor dem Erscheinen der neuen Weltwoche, in der ich die beiden Bücher bespreche, schreibt er mir, dass er Durand noch immer nicht gelesen habe.

Aber: «Sie haben natürlich völlig recht, ich muss auf das ‹andere› Buch hinweisen, was ich in der nächsten Auflage bzw. dann in der Taschenbuchausgabe (die kommen wird), tun werde, das ist nichts als korrekt.»

Nichts als korrekt, natürlich. Aber vielleicht noch nicht ganz der Weisheit und Redlichkeit letzter Schluss.

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